Orchesterrepertoire
Um 1800 war der Musikalienhandel längst international organisiert: Notenmaterial wurde über weite Distanzen verschickt, und Buchhändler konnten jederzeit im Ausland gedruckte Musikalien beschaffen. Es ist daher wenig überraschend, dass sich sowohl im Basler Bestand von Lukas Sarasin als auch in der Bibliothek der Luzerner Theater- und Musikliebhaber-Gesellschaft Werke derselben Komponisten fanden – in einigen Fällen sogar identische Kompositionen. Dazu seien drei Beispiele genannt, die zugleich verdeutlichen, wie international auch die Musikerinnen und Musiker tätig waren. Alle drei Komponisten wirkten überwiegend ausserhalb ihres jeweiligen Herkunftslandes.
Joseph Bologne de Saint-George (1745–1799) war der uneheliche Sohn eines französischen Plantagenbesitzers aus Guadeloupe und dessen Sklavin. In Paris, wohin seine Eltern wohl noch mit dem Kleinkind geflohen waren, erhielt er – als Sohn eines Adligen – eine standesgemässe Ausbildung. Unter seinem Adelsnamen «Chevalier de Saint-George» wurde er nicht nur einer der besten Fechter Europas, sondern zugleich ein herausragender Violinvirtuose. In Luzern befand sich ein von ihm 1777 in Paris gedrucktes Violinkonzert, während die Sarasin-Sammlung sogar zwei Instrumentalwerke des Chevalier de Saint-George enthielt.
Aus: Repertorium der in dem Archiv der Theater und Musik-Liebhaber Gesellschaft zu Luzern befindlichen Musikstücke, 1808–1817 (ZHB Luzern, Ms.568.fol.:XI, S. 78)
Simphonia Concertante à 7 overo 11 Del Signore St. George (UB Basel, kr IV 118)
Giovanni Giornovichi (1747–1804), ein in Palermo geborener Violinist kroatischer Herkunft, war als Solist in den grossen Metropolen Europas aktiv, darunter Paris, Den Haag, London, Berlin, Dresden, Warschau, Wien, Moskau und St. Petersburg. Sowohl in Basel als auch in Luzern befand sich ein Violinkonzert von ihm im Bestand, wobei es sich jedoch um unterschiedliche Werke aus seinem umfangreichen Repertoire handelte.
Aus: Repertorium der in dem Archiv der Theater und Musik-Liebhaber Gesellschaft zu Luzern befindlichen Musikstücke, 1808–1817 (ZHB Luzern, Ms.568.fol.:XI, S. 77)
Aus: Katalog der Lucas Sarasin'schen Musiksammlung (UB Basel, UBH HKun d III 9), Nr. 886 [S. 045/1]
Der in Österreich geborene Ignaz Joseph Pleyel (1757–1831) war ein weitgereister Musiker, Komponist, Musikverleger und Klavierbauer. Den Grossteil seines Lebens verbrachte er in Frankreich, wo er die auch die bis heute bestehende französische Klavierfabrik Pleyel gründete. Seine 1791/92 in Paris gedruckte Symphonie périodique war sowohl in Basel als auch in Luzern vorhanden. Das Luzerner Exemplar war der Theater- und Musikliebhaber-Gesellschaft im März 1807 von Prinz Philipp von Hohenlohe (1743–1824) als Geschenk überreicht worden.
Sinfonie périodique composée par Ignace Pleyel, 1792 (ZHB Luzern, AML I.157, Titelblatt Violine 1)
Sinfonie périodique composée par Ignace Pleyel, 1792 (UB Basel, kr IV 234, Titelblatt Violine 1)